Partner bi, Gefühlschaos (Bi-Gruppen)

Allegra, Dienstag, 09. Juni 2009, 01:29 (vor 3085 Tagen) @ chopin

Hallo Chopin,

ich "befürchte" auch bei meinem Freund eine "latente" Bisexualität - mit "befürchte" meine ich dass sein Verhalten zwar einige Hinweise liefert, er es aber nie zugeben würde, WENN es so wäre. Ich hatte meinen Freund zu Beginn unserer Beziehung bereits einmal auf das Thema angesprochen, da er meiner Meinung nach auffällig emotional auf BEIDE Geschlechter reagiert. Das hat mit Sexualität zunächst einmal nichts zu tun, aber ihm ist es auch egal, ob er freundschaftlich mit Männern oder Frauen (ist alles gleich für ihn) zu tun hat - und: Er findet beide Geschlechter "schön". Er hat es verneint und meinte, er würde sich vor sexuellen Kontakten zu einem Mann ekeln. Auffallend ist nur, dass ich ihn - wie gesagt - ziemlich emotional auf eine bestimmte Männerfreundschaft reagieren sehe. Ich habe also keine Ahnung, woran ich bei ihm bin, und das macht mir Angst.

Ich habe bisher auch die Erfahrung gemacht, dass ich mich in einigen Momenten mal für eine Frau interessiert habe - wenn auch zahlenmäßig gering. Ausleben könnte ich das allerdings nicht, dazu hätte ich keine besondere Lust. Und ich möchte es auch nicht nur um des Experiments willen. Daher würde ich mich selbst als vorwiegend heterosexuell bezeichnen. In solchen Phasen war ich auch nie in einer festen Beziehung. Ich kann mich emotional und physisch immer nur auf einen Menschen einlassen. Auf dieses monogame "Beziehungsmodell" hatten sich auch mein Freund und ich geeinigt. Ich bin mir aber zumindest für ihn nicht ganz klar, ob er das auch wirklich so leben kann/will - OHNE dass er das zugeben würde. Aber schlimmer sind für mich Heimlichkeiten oder Selbstverleugnung als klare Fakten.

Ich habe ein paar Fragen zu Deinem Text:

Sie hat auf der einen Seite sehr offenen auf diese 'Nachricht' reagiert
auf der anderen Seite wünscht sie sich auch eine ausschliessliche
Beziehung ... es scheint, als ginge es ihr ähnlich wie Dir.

Ja, so erlebe ich es auch. Eine Beziehung bedeutet für mich die exklusive physische und emotionale Hinwendung zu einem Partner. Da ich Hingabe als das intimste Geschenk erlebe, das ein Mensch einem anderen machen kann. Irgendwie habe ich mit der Vorstellung Probleme, dieses Geschenk mit anderen zu teilen, bzw. ich wüsste dann nicht, was meinen Partner und mich noch im Vergleich zu anderen "verbindet". Wenn man das Intimste in einer Partnerschaft mit anderen Menschen teilt, ist das für mich kein partnerschaftliches aufeinander Bezogensein mehr, sondern eher Freundschaft. Vielleicht ist der entscheidende Punkt für mich, dass tiefe Liebe ausschließlich der Partnerschaft vorbehalten sein sollte - was heißt "sollte" - so empfinde ich es für mich und ich hätte Probleme, wenn mein Partner da ganz andere Ansichten hätte.

Heute habe ich einen festen Freund, den ich regelmässig sehe ... (und
nicht nur das ;-) ) ... sie weiß davon.

Darf ich vorsichtig fragen, warum es für Dich so schwer ist, einer Beziehung zuliebe auf den Kontakt zum anderen Geschlecht zu verzichten? Ich meine, ist es wirklich diese evtl. empfundene Bipolarität (männlich und weiblich zugleich bzw. die Sehnsucht danach)oder ist es eher die Angst im Kopf etwas zu verpassen? Obwohl es oft geschildert wird, dass Bisexuelle mehrere "Beziehungen" bzw. "sexuelle Kontakte" zugleich haben, kann ich den Zusammenhang zur Polygamität nicht ganz erkennen. Ich denke Monogamie bzw. Bigamie ist eine Sache der persönlichen Einstellung, unabhängig von der sexuellen Identität. Ich meine, auch ein Heterosexueller könnte eine offene Beziehung leben wollen bzw. auf sexuellen Kontakt außerhalb der Beziehung nicht verzichten wollen. Warum tendiert also ein Bisexueller zu offenen Beziehungsformen? Ist es, weil er auf beide Geschlechter reagiert und daher mehr Reizen ausgesetzt ist oder ist es vielleicht die Angst bzw. Aversion vor zuviel bzw. ausschließlicher Nähe zu einem Partner?

Chopin, wie warst Du, bevor Du Deine Bisexualität entdeckt hast? Schon immer offen für den "offenen Beziehungsgedanken" oder besonders "liberal"? Vielleicht hat Dein Bedürfnis nach einer bigamen Beziehungsform ja mit Deiner Bisexualität gar nichts zu tun, obwohl ich natürlich schon oft gelesen habe, dass Bisexuelle tendenziell BEIDES brauchen, was natürlich einen sehr toleranten oder weiteren bisexuellen Partner erfordert.

Wir haben uns auch Hilfe von aussen geholt, z.T. gemeinsam, z.T. jeder für
sich selbst. Und das ist die Botschaft, die ich Dir auch mit geben will.
Es kannn sehr hilfreich sein sich Hilfe von aussen zu holen, in Form eines
guten Freundes/Freundin oder in Form von erfahrenen Paartherapeuten. Hier
geht es m.E. weniger um "Therapie" sondern um ein Moderieren, Begleiten
und Unterstützen.

Wie sieht Eure Beziehung - aus der Perspektive Deiner Frau - heute aus? Hat sie sich an den Gedanken gewöhnt, dass Du BEIDES brauchst? Fühlt sie sich nicht zurück gesetzt?

Kämst Du den umgekehrt damit klar, wenn Deine Frau einen Lover hätte - irgend etwas, das ihr die nun fehlende Aufmerksamkeit durch Dich ersetzt? Ich könnte mir vorstellen, dass bei Euch eine Art "Ungleichgewicht" entstanden ist, dadurch, dass Du weitere Facetten Deines intimen Selbst ohne sie auslebst, Deine Frau aber so bleibt, wie sie ist? Du hast eine wirklich tolle Frau - ich persönlich wüsste nicht, ob ich das so wegstecken könnte - einfach weil für mich körperliche und emotionale Treue eine ausschließliche Sache sind.

Ich brauche AUCH diese männliche Seite der

sexuellen Energie. Dies muss nicht zwingend Sex sein, es kann sich auch in
einer wirklichen, tiefen Freundschaft unter Männern manifestieren.

Ich finde es super, dass Du das so offen erklärst. Aber wo endet Freundschaft und wo beginnen die Gefühle? Diese Frage könnte mir ja nur mein Freund beantworten - ich habe einfach festgestellt, dass ihm die Freundschaft zu diesem Mann, der auch eine Freundin hat, super wichtig ist und dass er gelegentlich ins "Schwärmen" gerät. Ich weiß nicht, wie ich das deuten soll und ob es da überhaupt was zu deuten gibt. Diese Freundschaft bestand bereits vor unserer Beziehung - ohne sexuelle Kontakte. Ich habe aber gelegentlich das Gefühl, dass die Athmosphäre zwischen den beiden schon "erotisch" aufgeladen ist, dann mal wieder nicht. Auch das variiert. Was mich aber noch mehr verletzen würde, wäre die emotionale Komponente. Wenn mein Freund emotional die Grenzen der Freundschaft (auch ohne Sex) so überschreiten würde, dass wir ein ungewolltes Dreiecksverhältnis hätten.

Am deutlichsten wird es mir, wenn ich kurze Zeit nacheinander intensive
Begegnungen mit einer Frau und einem Mann hatte. Oft fühle ich mich erst
wenn ich beides bekommen hatte wirklich auf allen Ebenen genährt.

Es ist nur eine Idee, aber liegt es daran, dass Bisexuelle vielleicht besonders "liebesbedürftig" und "kontaktfreudig" sind? Manchmal habe ich das Gefühl, dass Bisexualität zwar in jedem Menschen verankert ist - dass aber nicht alle das leben? Deshalb meine Frage: Ist es für Dich eher eine Sache von gelebter Kreativität "abzuwechseln" evtl. eher die Angst, etwas zu verpassen, das man noch "ausprobieren" könnte, weil sonst das EGO nicht bekommt, was es will? Oder ist BEIDES auszuleben bei Dir ein wirklich seelisches Bedürfnis im Sinne von: Du kannst nicht ohne sein und es würde Dich quälen. Etwa, wenn man einem passionierten Heterosexuellen den Kontakt mit dem anderen Geschlecht völlig untersagen würde?

Ich könnte mir nämlich für mich vorstellen, unter diversen Umständen sexuelle Beziehungen mit Frauen zu pflegen - und wenn ich das lange genug praktiziere, mich auch zu verlieben bzw. umgekehrt. Ich sehe es eher als "Gewohnheit" wie alles im Leben. Daher hat gelebte Bisexualität für mich eher etwas mit Neugierde und Spielen wollen zu tun. Das kann in einer monogamen Partnerschaft aber als verletzend empfunden werden. Daher meine Frage: Ob das unbedingt seelisch notwendig ist? Oder ist LIEBE für einen Partner nicht eher eine Herzensentscheidung? Ich kann mir schwer vorstellen, dass man zwei Menschen gleichzeitig und gleich intensiv lieben kann.

Bitte verzeih mir, falls ich gelegentlich zu neugierig oder zu provokant gefragt haben sollte. Aber ich interessiere mich schon länger für dieses Thema und würde mich freuen, falls DU oder jemand anders (der das hier lesen sollte) aus deiner/seiner Erfahrung antworten könntet.

Liebe Grüße!


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