Es ist so schwer bisexuell zu sein (Lust und Erotik)

sgold @, Dienstag, 07. April 2015, 16:26 (vor 901 Tagen)

Ich bin Mitte 40, männlich, in zweiter Ehe (eigentlich) glücklich verheiratet. Ich habe eine erwachsene Tochter und arbeite selbstständig in meinem Traumjob. Wir wohnen in einer schönen Eigentumswohnung und dank einer Erbschaft haben wir sogar ein hübsches Ferienhäuschen im Süden. Es gibt so viele Gründe glücklich zu sein und doch fühle ich in mir eine ewig währende Leere.

Seit meiner Jugend und den ersten bisexuellen erotischen Phantasien ist mir klar, dass ich mich - zumindest sexuell - zu beiden Geschlechtern hingezogen fühle. Ausgelebt habe ich meine Bisexualität allerdings nie. Stattdessen habe ich immer nur Beziehungen zu Frauen gehabt. Sie sprechen mich emotional und intellektuell mehr an und nur mit Ihnen kann ich mir ein Zusammenleben vorstellen. Das empfinde ich nicht als “gezwungen”, das entspricht meinem Naturell, das eben mehr zu Frauen tendiert. Sexuell habe ich allerdings auch ausgeprägte (und dank der allgegenwärtigen Pornografie im Internet grafische) Fantasien, mit Männern Sex zu haben. So wie ich gerne bei Frauen (im Bett) aktiv und vielleicht sogar ein wenig dominant sein kann, so sehnt sich ein Teil von mir, Sex mit einem Mann passiv (oder sogar leicht devot) zu erleben. Ein offenes Ausleben beider Facetten meiner Sexualität ist unmöglich (ich würde meine Frau verlieren), ein “Doppelleben”, das viele verheiratete Bi-Männer führen, ist eine schwere Entscheidung - und in der Realisierung nicht gerade einfach. Die Suche nach einem geeigneten (Sex-)Partner ist schwer. Es gibt viele Bi-Männer wie mich, die einen aktiven, diskreten Partner “nur für das eine” suchen; entsprechende Anzeigen, die ich sporadisch immer wieder schalte (zuletzt auch hier im Bine-Forum) bleiben ohne Resonanz (oder es melden sich offensichtliche Spinner). Mit über 40, völlig unerfahren und ungeoutet und dem Gegenteil einer Adonis-Figur ist man in der Gay Community vielleicht auch nicht die erste Wahl.

Ich habe die Vielschichtigkeit und teilweise auch die Widersprüchlichkeit meiner Persönlichkeit immer als Bereicherung empfunden. Sie definiert, was mich als Mensch ausmacht. In meiner Sexualität hingegen bleibe ich frustriert. Vermutlich für immer. Ich habe zu spät vor mir selbst zugegeben bisexuell zu sein und ich habe nie den Mut gefunden, dazu zu stehen und das offen auszuleben.

Warum ich das hier schreibe? Weil ich mal meinen Frust formulieren wollte, auch meine Trauer darüber, vielleicht auch, um anderen Mut zu machen, rechtzeitig ihre Sexualität anzuerkennen und zu erleben.

S.G.


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