Ein hoch auf die Ehrlichkeit! (Liebe und Beziehung)

Lucan, Mittwoch, 16. April 2014, 11:39 (vor 1312 Tagen)

Hey liebe Forengemeinde,

ich erzähle mal ein bisschen was zu mir und dann zu meinem Problem.

Ich bin ein 29 jähriger selbstbestimmter Bi-Sexueller. In meiner Jugend habe ich mich zunächst für Mädls interessiert, später dann für Jungs und dachte ich wäre schwul bis ich mit 15 verstanden habe, dass es auch dazwischen etwas gibt. Ich hatte immer wieder männliche und weibliche Partnerschaften. Naja, die Entwicklung kennen ja wahrscheinlich einige hier.

Vor knapp 8 Jahren habe ich meine jetzige Frau kennen gelernt und vor 4 Jahren auch geheiratet. Ich habe Sie kennen gelernt, als ich noch in einer gerade scheiternden längeren Beziehung mit einem Mann war. Sie wusste also von Anfang an, auf was Sie sich einlässt. Sie findet es immer cool, wenn wir uns nach den gleichen Jungs umdrehen oder im Fernsehen oft gleichzeitig "wow" rufen, wenn ein süßer Typ zu sehen ist. Sie hat mitbekommen, wie ich getrauert habe, als mein Ex-Freund mit nur 25 vor 3 Jahren gestorben ist. Ich habe ihn bis zuletzt geliebt und liebe ihn auch immer noch (wenn auch auf eine andere Weise), er war nur einfach nicht beziehungstauglich.

Ich würde behaupten, dass man offener nicht mit der Bi-Sexualität in einer Partnerschaft umgehen kann.

Ich bin ein treuer Mensch und kann guten Gewissens sagen, dass ich noch nie fremdgegangen bin, egal ob ich gerade mit einem Mann oder einer Frau zusammen war. Das Modell der offenen Beziehung ist überhaupt nichts für mich.

Nichts desto trotz hat meine Frau mir gesagt, dass sie damit leben könnte, wenn ich mal was mit einem Mann habe. Unaufgefordert, es kam von ihr, ich hätte da im Leben nicht drüber nachgedacht und hätte es ihr auch nie zumuten wollen. Treue hat für mich nichts mit sexueller Orientierung zu tun. Ich liebe Sie, ich bin mit Ihr verheiratet und darum wäre es genau so ein Bruch in einer monogamen Beziehung, wenn ich was mit einem Mann mache wie wenn ich was mit einer anderen Frau mache. Aber gut, ich fand es sehr lieb und gönnerhaft von ihr.

Zwischendurch habe ich immer wieder Lust auf einen Mann. Ich denke aber, dass das nichts anderes ist wie bei Heteros, die zwischendurch mal Lust auf eine andere Frau haben. Das sind halt Gelüste und Phantasien, die man als ehrlicher treuer Mensch im Griff haben sollte.

In letzter Zeit wurde das verlangen immer wieder mal stärker und ich habe es dann immer stärker unterdrückt. Bis letzten Freitag… Da bekam ich eine Mail von/über MeinVZ (Ich wusste nicht mal dass ich da noch einen Account habe). Es war ein bekannter, ein Ex-Freund von einer Freundin, die ihn mal an mich verwiesen hatte, weil er sich für das Thema „Bi“ sehr interessiert hat. Wir haben vor letztem Freitag vor 2 Jahren das letzte mal gechattet. Wir haben damals viel über Liebe zu Männern und Sex gesprochen und ich habe ihm mal gesagt, dass ich ihm gerne helfe, wenn er seine Gefühle geordnet hat und weiß was er will. Das ganze beruhte natürlich auf der Zusage meiner Frau, dass ich das ruhig mal machen kann. Ich habe bei dem sowieso nicht damit gerechnet, dass er es sich mal traut.

Besagter Bekannter ist frisch mit einer Frau verheiratet, die selber bi ist und ihm das erlaubt. Er schrieb mich an, ob mein Angebot noch stehen würde. Ich wäre ihm die 2 Jahre nicht aus dem Kopf gegangen und er wäre so weit und er würde sich wünschen, das erste Mal mit mir zu haben. Wie gesagt, das war Freitag. Ich habe ihm gesagt, dass ich das mit meiner Frau klären muss und ich muss zugeben, ich hatte meeeeega Bock darauf und vor allem auf Ihn. Der ist optisch und charakterlich ein Traummann.

Leider war meine Frau Donnerstag auf Freitag und Montag auf Dienstag (gestern) unterwegs und am Wochenende wollten wir ein bisschen Ruhe haben. Ich fand, dass das kein Thema ist, das man mal eben zwischen Tür und Angel bespricht. Also habe ich auf einen geeigneten Moment gewartet. Gestern Abend war es dann soweit, wir hatten Ruhe und bis dahin einen schönen Abend und haben viel gelacht. Kurz vorm Zubettgehen habe ich mich dann getraut und ihr von dem Bekannten erzählt und gefragt, ob ihre „Freigabe“ noch gilt…

Der Abend endete dann in vielen Tränen, wenigen Worten und wenn ich es richtig verstanden habe, hat Sie die Freigabe nie so gemeint…

Ich habe die Nacht dann weinend auf dem Sofa verbracht, meine Frau weinend im Bett. Sie möchte nicht darüber reden. Sind jetzt beide Arbeiten, mal sehen was heute Abend passiert…

Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Ein hoch auf die Ehrlichkeit.

Beziehungskiller

Wolfgang @, Bamberg, Freitag, 18. April 2014, 06:55 (vor 1311 Tagen) @ Lucan

Hallo Lucan,

deine Geschichte hat mich sehr berührt. Bisexualität in festen Beziehungen kann sehr belastend sein. Besondere Herausforderungen stellen sich vor allem für Bi-Menschen, die offen und verantwortungsvoll mit ihren Partner umgehen wollen und zugleich die Bedürfnisse ausleben möchten, die unsere Orientierung nun mal mit sich bringt. Man weiß dann nie so genau, was kommen wird. Sobald Verletzungen, Ängste und Eifersucht ins Spiel kommen, kann alles kaputt gehen, auch wenn das scheinbar nicht zu befürchten war.

Solche Erfahrungen sind frustrierend und machen traurig. Ich kann sehr gut verstehen, wie du dich fühlst.

Wie viel Ehrlichkeit und Offenheit ist erforderlich und wie viel davon kann man/frau aushalten?

Ich finde es total stark und beeindruckend, dass du so offen mit deiner Orientierung umgehen kannst. Bei mir (ich bin um einiges älter als du) war das lange Zeit anders: Als ich so alt war wie du, wusste ich immer noch nicht genau, was ich bin. Und ich konnte meine schwule Seite nicht akzeptieren. Als ich das endlich hinter mir hatte, war mir klar, wie wichtig es ist, offen und ehrlich mit Partnern aber auch mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen.

Dein Weg ist der richtige und du solltest ihn weitergehen.

Es gibt allerdings manchmal eine Offenheit, die zum Beziehungskiller werden kann. Kein Mensch erzählt anderen immer genau das, was er denkt und fühlt. Ungeschminkte Wahrheiten sind oft schwer zu ertragen und verletzend. Wer schweigt, will nicht immer unbedingt etwas verheimlichen, sondern tut dies vielleicht einfühlsam und rücksichtsvoll, um andere zu schonen.

Meine Frau und ich haben eine Form der Offenheit gefunden, die wir beide ertragen können. Sie weiß, was ich bin und was ich tue, aber ich erspare ihr die Details. Ich frage sie beispielsweise nicht um Erlaubnis, wenn ich mich mit einem Mann treffen will. Wir haben das so vereinbart: Sie vertraut mir und es entlastet sie, wenn sie eben nicht erfahren muss, dass ich mega Bock auf einen gutaussehenden Traummann habe.
Natürlich ist das kein Modell für dich oder andere. Es mag sein, dass das für dich zu wenig Offenheit wäre. Für meine Frau und mich passt es so. Und es funktioniert jetzt schon seit zehn Jahren.

Wie geht es für dich weiter? Bleib nicht weinend auf dem Sofa sitzen. Du musst mit deiner Frau reden und sie mit dir. Irgendwo ist etwas schief gegangen und ihr solltet gemeinsam herausfinden, was es war. War ihr Angebot nicht ernst gemeint? Oder hast du, ohne es zu bemerken, deine Frage so gestellt, dass Ängste und Eifersucht bei ihr entstanden sind? Wie kannst du über deine bisexuelle Sehnsucht mit ihr reden, ohne sie zu verletzen?

Ich wünsch dir, dass du mit deiner Frau glücklich bist und trotzdem den einen oder anderen Traummann genießen kannst.

Alles Gute


Wolli

Ein hoch auf die Ehrlichkeit!

Layla @, Samstag, 26. April 2014, 13:56 (vor 1302 Tagen) @ Lucan

Hallo Lucan,

Bisexualität in einer Ehe ... Das ist ein sehr spezielles Thema.
Ich bin mit einem bisexuellen Mann verheiratet (schon sehr lange, das Outing erfolgt erst vor kurzem) und kann dir als Frau sagen, dass das, was man sich für seinen Mann wünscht und was man sagt, meistens doch sehr schmerzlich für die eigene Gefühlswelt ist: Obwohl der Kopf sagt, es ist gut für ihn und damit auch für die Ehe, also uns, sagt das Herz, es tut einfach weh ...
Wir haben insofern Offenheit vereinbart, dass ich im Groben Bescheid weiß, Details aller Art machen mich nur fertig ... Ehrlichkeit ist mega-Wichtig, ihr müsste herausfinden, wie viel ihr derzeit davon vertragt ... Bleibt im Gespräch!!! Das war und ist für mich zu allen Zeiten wichtig, auch wenn ich ganz doll verletzt war/bin. Sprich mit deiner Frau, immer! Bekommt heraus, welche Gefühle es sind. Das ist auch nicht immer angenehm, aber notwendig. Wer gibt schon gerne zu, egoistisch, neidisch, wütend zu sein??? Aber all das ist im Spiel und jeder Partner darf das auch fühlen.

Ich wünsche euch alles erdenklich Gute ... Es ist nicht einfach, versucht es trotzdem.

Liebe Grüße
Layla

Ein hoch auf die Ehrlichkeit!

christa @, Ludwigshafen, Samstag, 26. April 2014, 18:50 (vor 1302 Tagen) @ Lucan

Hallo Luca,
Mein jetziger Freund ist bi, er hat es mir bei unserer 2.Begegnung gesagt. Das war gut so. Ich fand das prinzipiell okay, da ich mich für absolut liberal halte, sagte ihm jedoch, dass ich nicht wisse, wie ich damit klar käme. Er hat einen festen Freund, mit dem er sich ab und zu trifft, um seine Neigung auszuleben. Beide gehen dann auch schon mal in eine Männersauna. Am Anfang war ich unendlich eifersüchtig, ich habe immer wieder überprüft, ob ich das kann, ob ich das will. Dazu kam, dass ich fast 30 Jahre in einer Ehe gelebt habe und der vorherige Mann mich 4 Jahre hintergangen hatte (mit einer Frau). Mit der Zeit wurde es ein wenig besser. Inzwischen konnte ich den beiden zusehen, das hat mir sehr geholfen. Ich habe mich einfach beteiligt. Nun fühle ich mich sicherer und nicht mehr so verletzt. Und ich will alles wissen, es erregt mich und hilft mir, mich nicht ausgeschlossen zu fühlen.
Das mit der ewigen Treue, ob zu dem andersgeschlechtlichen Partner oder wie auch immer, das halte ich sowieso für ein Gerücht. Davon träumt man, wenn man jung ist. Aber das gibt es nur sehr selten. Leider ist es bei vielen Paaren so, dass sie irgendwann überhaupt keinen Sex mehr miteinander haben. Und dann vielleicht auch igendwann fremd gehen.
Ich glaube, dass Deine Frau das damals schon ernst gemeint hat, weil sie Dich liebt, weil sie Dich glücklich wissen möchte, vielleicht auch, weil sie sich nicht im Klaren war, dass es sie dann doch so überrascht und eifersüchtig ist. Und es ist vielleicht auch so, dass sie sich ausgeschlossen fühlt in einem Bereich, der doch sehr intim ist. Das kann schon verletzend sein. Rede mit ihr, mache ihr klar, dass am Ende die Alternative sein kann, dass Du es heimlich machst, was Du nicht möchtest, oder immer sexuel unerfüllt bleiben wirst, was dann wiederum zu Spannungen in der Beiehung führen kann.
Ich glaube nicht, dass wir nur für einen Partner ein ganzes Leben lang "konzipiert" sind. Warum sonst gingen immer mehr Ehen auseinander? Früher hielten sie nur deshalb länger, weil Frauen keine Möglichkeit hatten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie "mussten" bleiben. Über Jahre hinweg wirst Du das nicht aushalten - und musst Du auch nicht - bleibe einfach Dir treu, und rede mit Deiner Frau. Sag ihr, dass dies nichts mit Deiner Liebe zu ihr zu tun hat. Dass es etwas körperliches ist. Sonst nichts. Und dann sieh weiter. Und sieh es ihr nach. Sie war nicht unehrlich. Es ist einfach für viele Menschen etwas Fremdes und ungewöhnliches. Sie muss sich damit vertraut machen. Immerhin hast Du es ihr nie verheimlicht. Das ist super.
Und zuletzt. Die meisten Menschen haben Neigungen auch zum anderen Geschlecht. Das halte ich für natürlich. Man gesteht es sich nur nicht wirklich ein. Oder es geht einfach unter. Vielleicht hilft Euch ein Gespräch mit einem Paartherapeuten. Wenn Du sie liebst, gib nicht auf.

Ein hoch auf die Ehrlichkeit!

Frank (Mod), Samstag, 03. Mai 2014, 10:36 (vor 1295 Tagen) @ christa

Sehr schöne Zeilen, Christa!
Kann vieles unterstreichen.

Grundsätzlich gilt: Man muss seiner Partnerin, seinem Partner auch einfach Zeit geben. Und man sollte reden, reden, reden. Dann klappt so einiges, und etwas, was am Anfang unmöglich war, geht dann doch - vorausgesetzt, man geht aufeinander zu, kann Kompromisse eingehen und sieht nichts als absolut an.

Die Kirche hat uns vor einigen Hundert Jahren dazu erzogen, dass es nur eine Frau und einen Mann geben darf, dass man immer sexuell treu sein muss. Die Realität sieht tatsächlich anders aus. Doch die allermeisten sind noch verschämt und glauben noch an das alte Bild.
Natürlich ist Monogamie in Ordnung, wenn man es möchte. Aber sich dazu zu zwingen, unglücklich werden, nur damit die Gesellschaft sich nicht aufregt ... falscher Ansatz!
Es gibt viele andere Modelle für Bisexuelle: Polyamorie, zwei feste Partner, einen festen Partner eines Geschlechts, aber viele Sex-Partner des anderen Geschlechts, Swinger, Asexualität usw.

Und wie ist der Stand der Dinge nun, Luca?

Tags:
Ehrlichkeit, Treue, Monogamie, Eifersucht

Ein hoch auf die Ehrlichkeit!

Ikarus @, Köln, Dienstag, 29. April 2014, 12:54 (vor 1299 Tagen) @ Lucan

Hallo Lucan,
Deine Geschichte kommt mir sehr bekannt vor. Auch ich habe mit meiner Ehefrau Ehrlichkeit vereinbart. Ich habe dann in den letzten Monaten mit einem festen Freund an meiner "anderen Seite" doch immer wieder erleben müssen, wie sehr meine Frau gelitten hat. Da hilft nur, die Gefühle Deiner Frau zu akzeptieren, sie (wenn´s geht) zärtlich in den Arm zu nehmen und bei ihr zu sein. Eifersucht ist aus meiner Sicht eines der schwierigsten Gefühle, weil es so viele Facetten hat.
Seit 2 Monaten bin ich auf der "schwulen Seite" Single und wir nutzen diese Zeit jetzt für lange Gespräche, viel zärtliches Kuscheln und gegenseitiges Verwöhnen und sind wieder zuversichtlicher, dass wir einen neuen Freund an meiner Seite besser verkraften. Gebt nicht zu früh auf, es gibt noch soviel gemeinsames zu erleben.
Können uns auch gerne ausführlicher per Mail austauschen1
Drück Euch beiden feste die Daumen!
Ikarus

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